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13. KVHS-Literaturwettbewerb 2016 - "Der Sommer unseres Vergnügens!"

Im vergangenen Jahr konnten folgende Beiträge zum Thema "Der Sommer unseres Vergnügens!" die erfahrene Jury überzeugen:

Wir gratulieren unseren Preisträgern!

 

 

1. Preis: Michael Wenzel - Liebesfreud, Liebesleid, oder was dazwischen

Als wir siebzehn sind, in dem tollen Sommer 69, macht doch das Miststück Schluss mit ihm. Gerade dann. Knickt ihn ein wie einen Grashalm. Einfach so. Es ist ja nicht, dass wir solches nicht schon einzweimal hinter uns gebracht hätten und ich in ihr was Besonderes sehe, als wäre sie das heiße Girl vom Mars.

Klar, sie hat einiges an den Stellen, wo es ein Mädchen braucht und wo man gern hinschaut und so weiter, und sie kann das schon einbringen. Es ist mehr, wie das Luder ihn abgeschmiert hat. Das geht sautief rein, man fühlt sich, wie umsonst auf die Welt gestellt. Ich kenne das. So ein Liebesleid nagt einen weg, muss ich sagen.

Wir haben uns einige Bier, so sechs Stück glaub ich, geschnappt, natürlich Pils von der bittersten Sorte, und hocken auf einem Grasstreifen, in der Gegend, wo wir wohnen. Schräg links tröstet eine Bushaltestelle, und eine quietschgelbe Telefonzelle macht aber wie Mut. Die Sonne sackt den Horizont runter, knallig wie auf der Flagge von Japan. Nur soll sie dort, glaube ich, aufgehen. Ist auch schnurzwurscht. Dem Rest der Welt geht es natürlich fein wie nichts. Kein Wunder. Im allgemeinen Wohlbefinden kann der Kleine ruhig abjammern, verloren gehen und so weiter.

Aus den Gärten riecht es nach frisch Gegrilltem und frisch Gemähtem, und nur mein Freund schaut aus wie der Riesenköter von unserm Nachbarn, dem zur Rechten. Der hat einen Brummer von Neufundländer. Augen, die in den Höhlen schwimmen, zerknautschter Blick, hängende Ohren, hängender Schwanz. Um sich so ungefähr ein Bild zu machen. Ich kann meinem Freund aber nicht hinbrettern, dass er ungefähr aussieht wie der tröge Nachbarsköter.

Deshalb trinken wir inzwischen ein Bier, was aber die schräge Seelenlage nicht wesentlich verbessert. Naja, was haben wir erwartet. Dass der Papst vorbeirauscht, um Trost zu spenden? Alle heißen Schnallen hier aufkreuzen?

Ich denk mir, verdammt noch mal, Falten ins Gesicht rein, wie ich ihn wieder auf die Füße stellen kann, bevor er mir hinten wegbricht. Wenn ich ihm sage, dass er sie glatt vergessen soll, hält er mich für einen echten Klotz, und so allgemeines Gesummsel über die Frauen loszulassen ist nicht mein Ding. Mir fehlen da wesentliche Einblicke. Wie denn auch? Bei unserm Alter.

Also hebeln wir zwischendurch das zweite Paar Bier auf, als es bei mir Klackklackklick macht. Und ich leg richtig los, wie man so sagt.

Ich erzähle ihm, was für eine tolle Frau doch die Anna ist, stramm gebaut, und mit ihr hätte man was anfangen können. Die war supernett und hat ihm gutgetan. Und war bestimmt auch die volle Rolle im Bett, was ja nicht unwichtig ist. Im Leben würde er so eine nicht mehr kriegen.

Die ganze Zeit schwätze ich so ein Zeug daher, und zur Krönung sag ich ihm, was für ein Idiot er gewesen sei, mit ihr Schluss zu machen.

Er schaut erst recht dumm aus dem Hemd, versteht natürlich nicht die Bohne, glotzt dann, als hätt höchstens ich einen Schatten. Aber ich sehe, wie bei ihm die Feuchtigkeit aus den Augen raustrocknet und der Blick stählern wird.

Wie bei der gemeinen Töle von unserm linken Nachbarn. Der hat ein ekelhaftes Viech von einem klumpigen Bullenbeißer, schiefe Visage, rotunterlaufene Augen, sonst alles steil und messerscharf an dem.

Als ich zuletzt das von dem Idioten rausbringe, knurrt er aus dem Unterbauch, dass ich endlich mein verdammtes Maul halten soll. Ich könnte froh sein, dass ich sein Freund sei, denn heute spinne ich ja voll ab, und er würde mir nun mal was über die Anna erzählen.

Ein ganz zickiges Weib sei die, sagt er, eingebildet wie sonst was, verwöhnt, hinterlistig, ein berechnendes Aas, wie er noch keins gesehen hätte, und noch eine ganze Menge dazu, - genau das sagt er. Und ratzenscharf habe sie immer nur getan und mit allem gewackelt. Dabei sei sie spröd wie ein alter Keks.

Aber als er mittendrin ist, richtig hochgejagt, bricht er auf einmal ab und sagt einfach in den lauen Sommerabend hinein: „Warum erzähl ich dir das eigentlich? Bringt doch null. Der geig ich mal die Meinung.“

Er stiefelt zu der gelben Telefonzelle rüber und macht sich drin zu schaffen. Ich will ihm nicht sagen, dass die Anna bestimmt nicht zu Hause ist, denn sie hat doch diesen Neuen da, mit dem sie ihre alten Sachen durchzieht.

Aber mein Freund hat Anschluss gekriegt, denn er palavert mit Händen und Füßen, und bis hierher höre ich, wie er sie zusammensägt. Richtig Kleinholz aus ihr macht.

Ich köpfe dazwischen die beiden letzten Biere, als er sich aus dem Häuschen drückt. Er schaut aus wie der Kläffer von unserm Nachbarn, der von gegenüber: eine rotzfreche, durchgepfiffene Siedlungsmischung. Ein Hüpfling erster Ordnung!

„Der hab ichs gegeben“, meint er, „alles hab ich ihr gesagt, alles. Das bleibt der ewig.“

„Gut“, sag ich und nicke, um das Thema abzuschließen. „Aber, dass die überhaupt da war, … um die Zeit“, sage ich noch so beiläufig hin.

„War sie auch nicht“, sagt er, „ ... war ... war ihre Mutter.“

Ein paar Augenblicke ist völlige Stille, kein Rasenmäher, kein abgedrehter Kläffer, kein Radiogedudel, und da fangen wir an zu lachen, lachen bis uns die Bäuche fast platzen, bis uns die Tränen runterlaufen.

Wir sind am Lachen und Heulen wie die Irren. Und alles ist so leicht wie ein Sommerabend, leicht, wie das letzte Bier wegzutrinken.

As tears go by, sing ich, was ein Song von den Stones ist.

Mr. Jagger flennt bestimmt keiner nach, denke ich

12. KVHS-Literaturwettbewerb 2015 - "Helden und Legenden"

2015 konnten folgende Beiträge zum Thema "Helden und Legenden" die erfahrene Jury überzeugen:

Wir gratulieren unseren Preisträgern!

 

 

1. Preis: Albert H. Keil, Dirmstein - Wunschzettel

Liebes Christkind!

Erinnerst Du Dich? Den Wunschzettel zu Weihnachten musste letztes Jahr noch Omi für mich schreiben. Heute kann ich es schon selbst.

Für mich will ich diesmal gar nichts wünschen. Ich hoffe, Du hast dann mehr übrig für Kemal. Der ist so arg schlimm dran. Immer fühlt er sich schlapp und müde und ist viel weniger lustig als im vergangenen Sommer. Ob Du vielleicht machen kannst, dass sein Bein wieder wächst? Oder wenigstens seine Haare? Er will ja nicht, dass ich es merke. Aber ich sehe, wenn es ihm wehtut, weil er dann sein Gesicht verzieht. Darum wäre am allerwichtigsten, dass er keine Schmerzen mehr hat.

Ich würde ihn auch so gerne wieder rumschieben im Park vom Krankenhaus mit seinem Rollstuhl. Dort hat er mir im Herbst diese braunen Schmetterlinge gezeigt, die mit den goldenen Flecken. Und Eichhörnchen sind über den Weg gesprungen. Und den Wildtauben haben wir zugehört. Es war so schön!

Deine Lisa

 

Liebes Christkind!

Heute schreibe ich noch etwas dazu. Mama sagt, Du weißt alles. Also weißt Du auch, dass Kemal in der Nacht gestorben ist. Jetzt hat er keine Schmerzen mehr. Und zum Schweben im Himmel braucht er keine gesunden Beine. Ob Du damit meinen Wunsch von gestern schon erfüllt hast?

Deshalb habe ich für mich nun doch einen: Mach bitte, dass mir nicht so furchtbar übel wird bei der nächsten Chemo.

 

 

2. Preis: Katharina Schelp, Kaiserslautern - Grenzenlos

Warum ich? Warum musste ausgerechnet ich heute Nacht Bereitschaftsdienst leisten? Natürlich. Solche Fragen stellt man sich immer erst im Nachhinein. Nie davor. Sonst würde es ja gar nicht erst zu solchen Situationen kommen.
6.768 Kilometer von meiner Heimat, Frankfurt, entfernt, sitze ich im tiefsten afrikanischen Dschungel und starre auf das kleine Kind in meinen Händen. Es ist so heiß, auch nachts noch, dass mir der Schweiß an den Schläfen und den Nacken hinabrinnt. Die Haare kleben mir klatschnass am Kopf. Und auch meine Gedanken zerfließen in der tropischen Schwüle dieser Nacht. In der kleinen Hütte herrscht ein schummriges Halbdunkel. Durch die Lücken in den Schilfwänden fällt etwas Mondlicht herein. Ansonsten dringt ein gelblicher Schimmer aus einer Ecke der Hütte, in der meine Lampe steht. In ihrem Licht schwirrt eine Vielzahl kleiner Schatten. Käfer, Mücken und andere vergleichbar angenehme Zeitgenossen. Gerne würde ich jetzt nach einem verdächtigen Kribbeln an meinem Oberarm schlagen, aber das geht nicht. Das kleine Wesen in meinen Händen hält mich leider davon ab. Sein Anblick ist es auch, der mich die blutsaugenden Insekten ringsum sehr schnell wieder vergessen lässt. Sein Anblick…

Noch schwanke ich zwischen Schrecken und Faszination. Nicht, weil ich ein Neugeborenes, ein schreiendes uns strampelndes, zwei-Minuten-altes Kind in den Händen halte, das ist mir hier unten schon oft passiert. Noch hat es seine Augen fest geschlossen. Seine feuchte, weiche Haut schmiegt sich an meine Handflächen. Auch nicht die Tatsache, dass es sich um ein kleines Mädchen handelt, ist es, die mich derart verblüfft. Sie besitzt auch zwei Arme, zwei Beine, alle Finger und Zehen, ich hatte schon nachgezählt. Nein, es war ihre Hautfarbe, die ich, um ehrlich zu sein, als sehr ungewöhnlich empfand. Als hätte die junge Afrikanerin vor mir soeben ein menschliches Glühwürmchen zur Welt gebracht, denke ich mit dem Anflug eines Lächelns.

So weiß leuchtet die Haut des kleinen Albinomädchens in der Dunkelheit! Ihre Mutter dagegen ist schwarz, schwarz wie die Nacht. Langsam erhole ich mich von meinem Schock, durchtrenne mit geübten Griffen, die Nabelschnur, was ein eigenartiges Gefühl in mir hinterlässt. Denn ohne diese Verbindung scheinen Mutter und Kind gar nicht mehr zueinander zu gehören. So unterschiedlich sehen sie aus, staune ich und drücke der jungen Mutter ihre Tochter in die Arme. „Kerngesund ist sie!“, sage ich zu ihr oder zumindest etwas Vergleichbares, denn so sicher bin ich in ihrer Sprache nicht. Da auch jeder Stamm seine eigene, individuelle Abwandlung davon hat, hätte sich der Lernaufwand nicht wirklich gelohnt. Irgendwie versteht man sich ja trotzdem. Zuerst bemerke ich gar nicht die Aufregung der jungen Mutter. Erst als sie leise beginnt, auf mich einzureden, sehe ich in ihre dunklen Augen und erkenne Panik darin. Wir sind alleine in der Hütte, aber sie wispert so leise, als will sie ganz sicher sein, dass keiner der anderen, die vor dem Eingang der Hütte warten, sie versteht. Ich selbst kann sie kaum verstehen. Hoch und spitz klingen ihre Worte in meinen Ohren. Angefüllt mit unbeschreiblicher Angst. Auf einmal unterbricht sie sich, starrt auf das Kleine in ihren Armen. Still ist es um uns geworden. Das Geschrei ist verklungen.

Wir sehen beide zu dem Kind. Für einen kurzen Augenblick verlieren wir uns im Anblick des blassen Neugeborenen, mit den geschlossenen Augen und den leicht geöffneten Lippen. Ich kann es nicht fassen. Noch ganz erschöpft von der Geburt, war ihm die Panik seiner Mutter völlig entgangen. Es war eingeschlafen. Jetzt streckt die junge Afrikanerin ihre Arme aus und hält mir das Kleine entgegen. Reflexartig greife ich nach ihm. Eine Spontanität, für die ich mich später selbst ohrfeigen könnte. Ich bemerke, wie die Hände der Mutter zittern. Wovor kann sie nur solche Angst haben, dem Kleinen geht es doch wunderbar. Ich will ihr das Kind wieder geben. Doch sie weicht zurück. Schüttelt den Kopf, sodass ihre schwarzen Zöpfchen nur so fliegen. Sie deutet auf den Zelteingang, der nur verhangen wird vor einem Stück Stoff und ich weiß, dass sie die anderen meint, die davor warten. Jetzt spricht sie wieder, ihre Stimme  vor Angst fast erstickt. Aber diesmal verstehe ich sie ganz deutlich. „Töten. Sie töten.“ Leider verstehe ich auch die Bedeutung dieser Worte sofort. Ich starre auf das Kind in meinen Händen. Draußen meine ich ihre Stimmen zu hören. Andere Frauen. Die Männer des Stammes. Sie alle warten auf das Neugeborene. Auf das Kind in meinen Armen. Ich sehe zu, wie sich seine Augen hinter geschlossenen Lidern rasch hin- und her bewegen. Ob es träumt? Hör sofort auf damit! Aber ich weiß, dass es eigentlich schon zu spät ist.

Da ist ein Gedanke in meinem Kopf, der mich nicht mehr loslässt. Albino. Wie alt wirst du, kleines Glühwürmchen, mal werden? Drei, vielleicht vier Sommer alt, bis einer von deinem Stamm auf die Idee kommt… „Besser, du wärst schon tot, kleines Glühwürmchen“, murmele ich vor mich hin. Aber laut genug, dass auch die junge Mutter mich versteht. Wir sehen uns an und haben den gleichen Gedanken. Verzweiflung und eine tiefe Trauer haben sich in ihre dunklen Augen gefressen. Jetzt liegt darin auch ein Funken Hoffnung. Und eine Bitte. „Beschütze sie.“ Ich nicke. Dann geht alles ganz schnell. Sie reicht mir ein großes Tuch, ich wickele das Kleine hinein. Bis auch sein Köpfchen völlig darin verschwindet.

Das liegt definitiv nicht in deiner Verantwortung, ruft ein Teil von mir, während ich den Vorhang beiseiteschiebe und die kleine Hütte verlasse, das kleine Bündel in meinen Armen. Ich ignoriere diese Stimme und konzentriere mich stattdessen auf meine neu entdeckte Frömmigkeit. Denn zum ersten Mal in meinem Leben verspüre ich das Bedürfnis, zu beten. Zu beten, dass die Kleine, nicht plötzlich aufwacht und beginnt zu schreien. Aufwacht durch die Bewegung meiner Schritte, weil sie nicht genug Luft bekommt, weil sie Hunger hat oder die Nähe ihrer Mutter vermisst oder… Ich zwinge mich, diesen Strom aus gedachten Möglichkeiten bis in die Unendlichkeit zu unterbrechen. Stattdessen konzentriere ich mich auf meinen Plan.

Vor der Hütte wartet eine kleine Menschenmenge auf mich. Männer, Frauen, ein paar Kinder. Dunkle Gestalten in der Nacht. Ihre neugierigen Blicke sind auf mich gerichtet. Sie wissen es, sie wissen es, dröhnt es in meinem Kopf. Sie können es spüren. Ich bin noch nicht bereit, trotzdem halte ich das Bündel vor mich und sage in die erwartungsvollen Gesichter ringsum: „Es ist tot. Direkt nach der Geburt gestorben.“ Ein kurzer Moment des Schweigens, dann leises Wispern. Nach und nach weichen sie zurück. In der Dunkelheit der Nacht ist das schwer zu erkennen, aber ich meine Schrecken in ihren Augen zu finden. Tot. Ein totes Kind. Ein schlechtes Omen. Hexerei vielleicht. Verflucht von einem anderen Stamm. Mein Plan war aufgegangen. Ein Plan, der allein auf den Aberglauben des kleinen Stammes gebaut hatte. Doch es ist noch nicht zu Ende. Nun wende ich mich dem Vater des Kindes zu. Seine Miene ist wie versteinert. Nur in seine Augen flackert die Furcht. „Es tut mir leid.“, sage ich in seiner Sprache und hoffe inständig, dass das Kind in meinen Händen, sich nicht rührt. Der Mann nickt, dann wendet er sich ab, betritt die kleine Hütte, die ich eben verlassen habe.

Am liebsten wäre ich sofort losgerannt. Weg, nur weg. Aber ich reiße mich zusammen und laufe möglichst langsam, um keinen Verdacht zu erwecken. Ein Fuß vor den anderen. Mein Herz hämmert im Rhythmus meiner Schritte. Ich unterdrücke den ständigen Drang, mich umzudrehen und nachzusehen, ob mir einer von ihnen folgt. Mit kurzen, knappen Atemzügen sauge ich die tropisch-schwüle Luft in mich auf. Sie scheint meine Lungen zu verkleben, sodass mir das Atmen noch schwerer fällt. Schritt für Schritt entferne ich mich von dem kleinen Dorf und seinen Bewohnern. Stumm liegt das Kind in meinen Armen. Bitte, bitte, bleib so still. Oh Gott, hoffentlich ist es nicht schon längst erstickt… Auf einmal unterbricht eine Stimme meine rasenden Gedanken: „Halt, warte!“ Mein Herz macht einen Aussetzer, und schlägt danach noch schneller als zuvor. Schweiß rinnt in kleinen Sturzbächen an meiner Haut hinab. Jetzt ist es aus, denke ich, als ich mich langsam zu der Stimme umdrehe. Bestimmt wollen sie es doch behalten und bei sich begraben… Als ich mich umdrehe, steht der Vater des kleinen Kindes hinter mir. Sein Blick ist auf das Bündel in meinen Händen gerichtet. Ein Blick voller Abscheu und Angst. In seiner Hand hält er einen weißen Koffer. Darauf eine rote Aufschrift. „Du hast dein Werkzeug vergessen.“, sagt er zu mir und ich schaffe es kaum, zu nicken.

Die Erleichterung in meinem Inneren drängt an die Oberfläche, am liebsten hätte ich laut aufgelacht. Im nächsten Moment streckt mir der Mann den Koffer entgegen. Mein ganzer Körper sträubt sich, einen Schritt auf ihn zuzumachen. Nur mit größter Anstrengung bringe ich ein gequältes Lächeln und ein knappes „Danke“ zu Stande.

Das Herz in meiner Brust hämmert, als wollte es gerade zerspringen. In der einen Hand halte ich das kleine Bündel, um das meine Gedanken unaufhörlich kreisen. Mit der anderen greife ich nach dem Henkel des Koffers. Sie ist so verschwitzt, dass ich erst zweimal abrutsche, bevor ich den Griff zu packen bekomme.
Zum Abschied nicke ich dem Vater des Kindes noch einmal zu, aber er sieht mich gar nicht an. Sein Blick, immer noch voller Furcht, ist auf das Bündel in meiner Hand gerichtet. Er weicht ein Stück zurück. Ich drehe mich rasch um und gehe weiter. Wie viel Zeit war bereist vergangen seit ich die kleine Hütte verlassen hatte? Zwei Minuten, drei, vier? Jetzt muss es doch anfangen zu schreien. Oder es ist tatsächlich längst tot. Dieser Gedanke quält mich, bis ich am Rand der Straße, ein breiter Trampelpfad durch den Dschungel, und bei meinem Geländewagen angekommen bin. Dort ziehe ich sofort den Stoff von seinem Köpfchen. Das kleine Kind stößt auf, ein leises Glucksen in der Nacht. Dann schlägt es seine Augen auf. Blass leuchten sie mir in der Dunkelheit entgegen.

Ich öffne die Fahrertür des Geländewagens. Die Aufschrift „Médécines sans frontières“, Ärzte ohne Grenzen, ist schon ganz verblasst. Ohne Grenzen, in der Tat, denke ich, als ich das kleine Wesen auf den Beifahrersitz neben mich lege. Zusammen fahren wir zurück zu der Station in einigen Meilen Entfernung.
Über uns ein Streifen Nachthimmel. Ich deute nach oben zu den Sternen: „Sieh mal, kleines Glühwürmchen. Die leuchten genauso hell wie du.“ Mit einem Mal bin ich sehr, sehr müde. In meinem Kopf ist kein Platz mehr für Gedanken. Außer einer einzigen Frage. 

Ob man geklaute Kinder adoptieren kann?

 

 

3. Preis: Doris Schelp, Kaiserslautern -  Mein großer Bruder, der Held? 

Mit dem gespannten Finger am Abzug und einer ebensolchen Anspannung am ganzen Körper verfolgte Jasin durch einen winzigen Spalt das Geschehen vor der Tür. Das heißt, eigentlich beobachtete er das Nichts, denn vor seinen Augen erstreckte sich nur kahles Ödland in dem die Luft vor Hitze und Anspannung zu vibrieren schien. Die sengende Sonne brannte sich in den Boden ein und in der absoluten Stille ahnte man die atemlose Angst der Menschen, die sich dort draußen versteckt hielten, als wären sie vom Erdboden verschluckt worden. Jasin wusste, dass seine Mitkämpfer, seine Brüder, seit Tagen verzweifelt auf Rettung warteten, auf das Abziehen des Feindes, der sich hinter den Hügeln gleich nach der kleinen Siedlung versteckt hielt und nur auf die kleinste Bewegung oder das leiseste Geräusch wartete, um einen Kugelhagel in Richtung der Bewohner zu schicken, um jedes Leben auszurotten.

Während der langen Zeit des Wartens schweiften seine Gedanken immer wieder ab und er dachte oft an seinen jüngeren Bruder Kajeb, dem er sehr nahe stand und den er schmerzlich vermisste. Er erinnerte sich an unzählige Ballwechsel auf dem Hof, durchzockte Nächte angefüllt mit langen Gesprächen und an die verschworene Gemeinschaft, wie sie nur unter Geschwistern herrscht. Die Sehnsucht nach seinem kleinen Bruder füllte für einen Moment sein ganzes Denken und Fühlen und er ertappte sich bei dem Gedanken, ob es jemals ein Wiedersehen geben würde.

Mit Macht riss sich Jasin aus seinen düsteren Gedanken und konzentrierte sich auf seine gegenwärtige missliche Lage, aus der er sich befreien wollte. Der junge Kämpfer beobachtete seinen Feind seit Tagen haarscharf und war sich allmählich sicher, einen gewissen Rhythmus entdeckt zu haben. Jeden Abend gegen 19 Uhr wichen die Belagerer von ihren Beobachtungsposten zurück und verschwanden für längere Zeit. Jasin vermutete, dass sie sich zur Lagebesprechung zusammensetzten. Diesen Zeitpunkt wollte er für einen Angriff nutzen. Eine Weile noch beobachtete er die stumme Szenerie, nur um ganz sicher zu sein. Schließlich informierte er den Anführer über seinen Plan, den Feind genau zu diesem Zeitpunkt von hinten zu umzingeln, zu überraschen und schließlich zu überwältigen.

Jasin erinnerte sich, wie er früher in seinem Wohnblock oftmals den Anführer spielte, wenn es galt, gegen die Jungs aus der Nachbarschaft einen Vorteil zu erzielen, sei es, die anderen aus ihrem angestammten Territorium zu vertreiben, ihnen Alkohol oder Drogen abzuknöpfen oder sich mit der Polizei Verfolgungsjagden zu liefern. Nach diesen Mutproben kamen sie verdreckt und blutend nach Hause und wurden dort von der Mutter beschimpft, die für diese kindischen und sinnlosen Auseinandersetzungen kein Verständnis hatte. Im Gegensatz dazu war seine gegenwärtige Situation sehr reell und überhaupt kein Spiel. Seine Mutter wäre beeindruckt und die schmutzige und zerrissene Kleidung eher eine Auszeichnung als Gegenstand eines Vorwurfs.

Kurz nach 19 Uhr wurde sein Plan in die Tat umgesetzt. Jasin pirschte sich zusammen mit acht weiteren Kämpfern von hinten an den Feind heran. Er traute sich kaum zu atmen und die ganze Gruppe wagte es nicht, auch nur ein Geräusch von sich zu geben, kein Stöckchen durfte knacken, kein verräterisches Geräusch ihr Vorhaben verraten. Sie erreichten ihr Ziel ohne dass jemand auf sie aufmerksam wurde. Geübt brachten sie ihre Gewehre in Stellung – dann ging alles ganz schnell. Sie brachen die Türen auf, stürmten ins Innere und schossen ihre Feinde nieder. Einigen wenigen gelang die Flucht, aber die meisten lagen leblos am Boden. In den eigenen Reihen gab es keine Verluste, nicht mal Verletzte waren zu beklagen. Stolz kehrten sie zu ihrer Truppe zurück – durch Jasins Plan war ihnen nach aufreibenden Wochen die Rettung gelungen, sie hatten sich aus der Umklammerung des Feindes endlich befreit.

Noch am gleichen Abend, beschloss er, dass es an der Zeit war, seine Eltern, seine Geschwister und vor allem seinen jüngeren Bruder Kajeb von seinem Erfolg, seiner Heldentat zu berichten. Schließlich hatten die Eltern ihn nicht so erfolgreich in Erinnerung und deshalb wollte er das Bild, das sie von ihm hatten, „zurecht“ rücken und die Anerkennung erlangen, die ihm nun zustand. In den leuchtendsten Farben malte er sich seine Ankunft aus, wie seine Familie ihn begrüßen, seine Mutter vor Freude weinen, die Freunde voller Ehrfurcht seinen Erzählungen lauschen und vor allem Kajeb mit Bewunderung an seinen Lippen hängen würde.

Bei seiner Rückkehr nach Deutschland wurde Jasin B. wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung im Ausland festgenommen. Der Angeklagte hatte in dem Verfahren, das vor dem Oberlandesgericht Frankfurt am Main geführt wird, gestanden, sich dem IS angeschlossen zu haben. Für die islamistische Miliz sei er nach Syrien gereist und habe dort an den Kämpfen teilgenommen. Die Bundesanwaltschaft bezweifelt, dass der Angeklagte seine Mitgliedschaft bei der Terrormiliz bereut. In einer Woche wird das Urteil gegen den 17-jährigen Rückkehrer aus Syrien gefällt. Er soll an besonders grausamen Kämpfen um Aleppo beteiligt gewesen sein. Seine Eltern sollen sich von ihm abgewandt haben und ein hartes Urteil befürworten, sowohl als Abschreckung wie auch als Schutz für die Geschwister – insbesondere wegen des jüngeren Bruders, der in Jasin immer eine Art Vorbild gesehen hat.

 

 

Sonderpreis (Autor/in unter 16 Jahren): Charlotte Freiler, Großsteinhausen -  A Rose for Rosa 

Die Legende von Rosa: Es war ein nebliger Tag als die Kutsche langsam um die Ecke bog. Rosa wusste, dass darin die von allen geliebte Prinzessin Natalia saß. Sie war auf dem Weg zu ihrem Verlobten Will, den sie nur heiratete, weil sie 'Frieden wollte. Sie war nicht gerade froh darüber, und deshalb wollte Rosa sie befreien. Doch als sie sich gerade der Kutsche näherte, fiel ihr ein, das sie etwas vergessen hatte und dieses 'Etwas' traf sie mit einem Pfeil direkt in den Rücken.

1.Kapitel: Genervt sah ich aus dem Fenster. Meine Mutter fand, dass das eine 'höchst wundervolle Idee' war, hierherzuziehen, damit ich 'endlich von diesem Verrückten' wegkam. Mit ' Verrückten' meinte sie meinen besten Freund Frank. Er war schon irgendwie seltsam,  aber nicht verrückt. Auf meiner alten Schule behandelte ihn zwar auch jeder wie ein Verrückter, denn er glaubte fest, dass Geister existieren und unter uns sind. Am meisten interessiert er sich allerdings Für die Legenden um die Geister. Seine Lieblingslegende war die von Rosa. Sie ist nicht sehr bekannt und auch nicht wirklich spannend, sollte sich aber in der Nähe unseres neues Hauses abgespielt haben.

2.Kapitel: „Laila Darling ! Komm doch bitte mal her!“, trällerte meine Mutter. Langsam lief ich zu unserem großen Gewächshaus im Garten. Schon von weitem sieht man die prächtigen Rosen, die im Inneren in allen Farben schillerten. Viele davon sind Kreationen meiner Mutter, die anerkannte Rosenzüchterin ist. Ihre neuste Züchtung, die sie mir nun stolz zeigte, war eine zarte, weiß blühende Rose, die leicht rosa schimmerte. „Darf ich mir einen Namen überlegen?“, fragte ich meine Mutter. Sie nickte feierlich und scheuchte mich dann liebevoll raus, weil sie weiterarbeiten wollte. Ich beschloss, mir eine Brezel zu kaufen - da diese mir beim Denken halfen - und machte mich auf zum Bäcker.

3.Kapitel: Als ich am Wald vorbeilief, der auf der anderen Straßenseite lag, sah ich etwas weißes aufblitzen. Aber ich dachte mir nichts dabei und kaufte meine Brezel. Grübelnd lief ich zurück. Was war das weiße etwas? Wie könnte die neue Rosenart heißen? Ich biss gerade von meiner Brezel ab als ich über die Straße lief. Wieder war etwas Weißes zwischen den Bäumen aufgetaucht. Ich lauschte, ob es ein Geräusch gemacht hatte, Aber das Auto, das immer näher auf mich zu kam, hörte ich nicht.

4.Kapitel: Wumms! Etwas Kaltes stieß mich ruckartig nach vorne und ich landete auf dem Gehweg. Zischen fuhr das Auto an mir vorbei. Langsam rappelte ich mich hoch und begutachtete mein aufgeschürftes Knie. Als ich mich umdrehte, um zu sehen, wer mir da geholfen hatte, sah ich jedoch nur noch ein silbrig-weißes etwas  im Wald verschwinden. Ich wollte wissen wer es war, aber meine Mutter kam angerannt und fuhr mich direkt zum Arzt.

5.Kapitel: Es dämmerte, als wir wieder nach Hause kamen, doch ich konnte meine Mutter überzeugen, dass ich noch spazieren gehen durfte. Sie war froh darüber, dass ich diesen 'unglaublich schweren Schock' schon überwunden hätte und steckte mir vor lauter Freude eine ihrer neuen Rosen in die Haare. Gemächlich lief ich so nun in den Wald, und entdeckte dort, von Ranken und Dornen überwucherte Stein, der im Mondlicht silbern glänzte. Ein kaltes, aber angenehmes Kribbeln fuhr durch meinen Körper. Ich wusste, dass das der Grabstein meines Retters war. Dankbar zog ich die Rose aus meinen Haaren und legte sie auf den Stein. Und wer mich gerettet hat, müsstet ihr jetzt eigentlich selber wissen.

 

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